Seite 1: Die schweren Leidensjahre in Klausheide

Die schweren Leidensjahre in Klausheide

 

 

Es verging nicht ein Tag an dem wir nicht von  den Nonnen oder Erziehern geschlagen, angeschrien, getreten oder anderswie körperlich gezüchtigt wurden. Das Schlagen mit Schlüsselbunden in der Hand und in Handschuhen gehörte genauso dazu wie der Rohrstock, Teppichklopfer, Holzast, nasse Aufnehmer, Kleiderbügel, Klobürste oder Schrubber. Hinzu kamen ellenlange Strafarbeiten, die schriftlich auszuführen waren und sehr zeitintensiv wurden, wobei monotone Sätze wie solche - "ich darf nicht böse sein" - oder dieser - "ich muss ständig sauber sein", zusätzlich zu den Hausaufgaben zu verrichten waren. Das war ein ständiges Muss. Freizeit war knapp und wurde mit solchen Strafarbeiten umgangen bzw. quasi abgeschafft. Manchmal kamen wir Kinder deshalb tagelang nicht ins Freie oder an die frische Luft. Wer trotz der vielen Einschüchterungen nicht parierte bekam obendrein Essensentzug oder Putzstrafen zugeteilt. Oftmals wurden Kinderkameraden einfach weggesperrt und man sah sie dann einige Tage oder auch Wochen nicht. Hierzu gab es extra eingerichtete Zellen die ob ihrer perfiden Bauweise fast Schall isoliert waren. Dicke bauchglasige Bausteine sperrten fast jeden Ton nach außen und innen. Wenn gar die Sonne schien wurde es dort drinnen unerträglich heiß. Ein fast perfektes Triebgefängnis welches wir in unserer Sprache "die drei Sklavenbunker" nannten.  Hinter deren Mauern hörte uns niemand weinen und flehen. In meiner  Zeit fielen außer mir noch viele andere Kinder den pädosexuellen Trieben der Pater und Nonnen zum Opfer. Viele Kinder mussten diesen widerlichen Triebtätern und Täterinnen zu Willen zu sein. Manchmal wurden Kinder einfach des Nachts aus ihren Bettchen geholt. Was sie durchgemachten konnten wir dann - wenn sie wieder zurück gebracht wurden -  ihrem stundenlangen weinen entnehmen. Ich ertappte mich dann oftmals beim aufatmen und dank beten dafür, dass ich gerade verschont war. Litt aber mit ihnen und nahm sie oft in den Arm um zu trösten.

 

Ich erinnere noch sehr gut die Berichte meiner damaligen Leidensgenossen die, nach Wegschluss  in Bunker und Verliese zurück in die Gemeinschaft gekehrt, über das ihnen angetane Leid  und Unrecht verstört, irritiert und seelisch gestresst berichteten und die deswegen oft, sehr oft, weinten. Oft spontan und heftig. Dabei schüttelten sich ihre Körper  die anfingen zu zittern und zu beben. Niemand von uns konnte sich  damals diese Reaktionen  erklären.  Erst heute ist es mir möglich, Begriffe wie PTBS oder BTS  den damaligen Zuständen  dieser Kinder zuzuordnen. Zu bedenken ist zudem, dass wir Kinder unter Androhung von schlimmsten Konsequenzen und Strafen unsere Aussagen zum Missbrauch widerrufen mußten. So wie ich. Ein lieber Freund jener Zeit, der ähnliches durchmachen musste wie ich, verweigerte tagelang seine Nahrungsaufnahme. Brach ständig und wurde schließlich so dünn, dass wir alle Angst hatten er verhungert. Ich erinnere, dass er tagelang weinte. In der Schule, sprich den Klassenräumen während des Unterrichts, in den Pausen und auch während der Freizeit, wenn andere Fußball spielten oder anderen Freuden nachgingen. Dann stand er da und weinte nur. Es war das bitterlichste Weinen was ich je erlebt habe. Die Nonne reagierte auf dessen Weinen und Klagen, seine Schmerzen und sein Traurig sein wie ein Edelstahlgepanzertes Flakgeschütz. Trat ihm in die Seele als sie ihn zum Waschlappen und Muttersöhnchen stempelte. Einer,  so betonte sie, der seiner Mutter nachweine und zu viel Aufmerksamkeit wolle bekäme erst recht keine. Sie spielte mit uns ein perfides Spiel in schräg klingender Tonfolge. Eine misstönige Klaviatur wie aus dem Hexenhammer der Intrigen. Die Symphonie für Abgestumpfte. Eine Partitur leidensdynamischer Maßnahmen jener Zeit, deren Auswüchse und Abarten keine Scham kannten. Denn was Muttersöhnchen durchmachen müssen weiß auch heute jeder Junge.  


Einer dieser Täter, ein Salvator Bruder im Herrn, Bruder Clemens, wurde erst viel später, also viele Jahre nach den unseren, die wir unsere Leiden in Panzerhemden durchs Leben tragen mussten - in den 70gern, von einem weltlichen Gericht wegen Kindesmissbrauch verurteilt. Viel zu spät. Die Kinder, die ihn haben aushalten müssen, ihm zu Diensten haben sein müssen, deren Seelen den Exitus erlitten hat bis heute niemand auf der Rechnung. Nicht einmal die Politik die diesen Terror an uns Kindern in den 1950 bis 1975 Jahre haben geduldet, gefördert und zugelassen.


Zusammengerechnet erlebte ich eine Gesamtleidenszeit  von 1562 Tagen netto. Ohne die Jahre der Leiden zuvor und danach. Danach war nie zu Ende. Es ging weiter. Jahr aus, Jahr ein.

 

Wer so etwas an Leiden so lange Zeit durchmachen musste hat einen Seelenkollaps für alle Zeit. Aus diesem Seelentrümmerfeld eine Landschaft zu basteln, eine, in der es sich gestaltend angenehm leben lässt, war nach der Entlassung  aus Klausheide dringlichst unsere Aufgabe. Gescheitert daran sind fast alle. Dabei wurde versucht zu vergessen, wurde  ausgehalten, versucht sich zu verhalten, nicht aufzufallen und nichts von sich preiszugeben was das Heimkind verraten könnte. Ich habe versucht zu verstehen, versucht stehen zu bleiben, dabei zu gucken und hin zu schauen doch der Schmerz ließ das nie zu. Die Firewall schien zu funktionieren. Nun hilft sie nicht mehr - die Schleusen sind offen.

 

In den Jahren versuchte ich ständig zu fliehen und  Flucht ist noch heute Programm. Fliehen vor der Vergangenheit und mir. Vor meinen Erinnerungen die mich heimsuchten und mir nie vergaben. Seelenexitus perfekt. Auch, wenn ich  mittlerweile begriffen habe das Flucht nicht nutzt sondern ich mich überall mit hinnehme. So hat  sich mein Sosein und sich daraus resultierendes Verhalten nicht wirklich geändert. So weiß ich, es gibt keinen Platz an dem ich ruhen und noch weniger leben  kann.  Weiß nicht wie ich lernen kann mich aushalten.

 

Was aber nutzt der Weisheit letzter Schluss, wenn man unter Schmerzen existieren muss? Das  Leid  kommt allzeit gekrochen. Immer dann wenn ich es am wenigsten gebrauchen kann. Das hat Methode. Es schaut vorbei. Oft nur kurz - und saugt umso heftiger - wie Energiefresser - meine letzte Reserve. Irgendwann krepiere ich deshalb. Und wenn sie plagen die Erinnerungen, an mir wie ein nassen Schwamm waschen, mich trügen und belügen erlebe ich oft sie versuchen sich auszuwaschen. Dem folgt dann eine Zeit der Leere, des sich vergeben und beschweren. Katharsis-Over-Break down. Mein Gefühl sagt - selber schuld. Mein Verstand sagt nein.